Zurück Ein halbes Jahrhundert für Familien im Einsatz

Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Kelheim feiert 50. Jubiläum

Ein Grund zum Feiern: Seit 50 Jahren unterstützt die Beratungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg (KJF) Familien im Landkreis Kelheim. Gemeinsam mit zahlreichen Ehrengästen, Förderern und Freunden der Einrichtung blickten Leiterin Brigitta Hable und KJF-Direktor Michael Eibl zurück auf ein halbes Jahrhundert im Dienst der Familien. „Ich gratuliere Brigitta Hable und ihrem Team zu diesem runden Jubiläum. Die Arbeit der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern ist nach 50 Jahren wichtiger denn je: In Zeiten, denen eine Krise auf die nächste folgt – Pandemie, Ukraine, Inflation, Klimawandel ­– ist es eine der zentralen Aufgaben unserer Beratungsstelle, den Ratsuchenden Zuversicht und Hoffnung zu vermitteln. Dafür geben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag ihr Bestes. Für dieses Engagement spreche ich ihnen den Dank und die Anerkennung der gesamten KJF aus. Ebenso bedanke ich mich bei allen Netzwerkpartnern und besonders beim Landkreis, der uns beim Ausbau der Aufsuchenden Beratung unterstützt hat, damit wir die Menschen, die unsere Unterstützung suchen, flächendeckend und unkompliziert erreichen können“, sagte KJF-Direktor Michael Eibl.

v.l. Abensbergs Bürgermeister Christian Schweiger, Landrat Martin Neumeyer, Beratungsstellen-Leiterin Brigitta Hable, KJF-Direktor Michael Eibl, Abteilungsleiter Michael Hösl und der Fachliche Sprecher der Beratungsstellen Dr. Simon Meier (Foto: Sebastian Schmid)


Landrat Martin Neumeyer würdigte die Arbeit von Brigitta Hable und ihrem Team in seinem Grußwort: „Mit der Beratungsstelle verbindet uns seit vielen Jahren eine sehr gute Kooperation. Diese Einrichtung ist eine Bereicherung für die Menschen in der Region. Dem Landkreis Kelheim und unserem Kreisjugendamt steht hier ein wichtiger und starker Partner in der Jugendhilfe zur Seite. Zum 50-jährigen Bestehen gratuliere ich persönlich und im Namen des Landkreises und bedanke mich für die stets vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit.“ Ausdrücklich bedankte sich Landrat Neumeyer auch bei KJF-Direktor Michael Eibl: „Wir führen oft Gespräche und tauschen uns aus – auch am Wochenende, an Sonn- und Feiertagen. Dabei geht es dir immer um das Wohl der Menschen.“

Ähnliche Worte fand Christian Schweiger, Bürgermeister der Stadt Kelheim: „Wenn wir wollen, dass sich unsere Jugendlichen gut entwickeln, müssen wir sie dabei unterstützen und Räume der Begegnung für sie schaffen. Die Beratungsstelle leistet hier einen großen Beitrag, den wir als Stadt sehr schätzen. Mir ist die Vernetzung der verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe sehr wichtig, denn so entsteht ein starkes Team.“

Brigitta Hable bedankte sich ausdrücklich den Ratsuchenden für das Vertrauen, das sie in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstelle setzen: „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten maßgeschneiderte Lösungen zu finden und nicht nach einem festgelegten Konzept vorzugehen. Es ist eine bemerkenswerte Leistung der Ratsuchenden, diesen Schritt zu gehen und mit fremden Menschen über sehr private Dinge zu sprechen. Wir bekommen hier einen großen Vertrauensvorschuss und dem müssen wir gerecht werden. Mein Dank gilt auch allen Netzwerkpartnern, unserem Träger der KJF, der Stadt und dem Landkreis.“

Aus der Fallarbeit kann die Einrichtungsleiterin von einigen Erfolgsgeschichten berichten, in denen es den Mitarbeiterinnen gelungen ist, schwerwiegende Krisensituationen zum Besseren zu wenden: „Drei Jugendliche, die unter einer Schulphobie litten, haben nach unserer Beratung den Schulbesuch wieder aufgenommen. Ein traumatisierter Fünfjähriger, den ein anderer Junge mit dem Tod bedroht hatte, ging nach der Traumatherapie wieder problemlos in den Kindergarten. Bei der Umgangsanbahnung konnten Kinder und Jugendliche ihre Väter erstmals bewusst kennenlernen oder nach einer langen Umgangspause wieder treffen. Das waren oft sehr berührend Momente.“ Begleitet wurde der Brigitta Hables Vortrag von Sketchen, die die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle einstudiert hatten. Dabei wurde der Wandel, den die Beratungsarbeit innerhalb der vergangen 50 Jahre durchlaufen hat, deutlich.

Beratung im Wandel der Zeit – Von der Kreidetafel bis TikTok

Bereits 1959 war die KJF aktiv in Kelheim zum Wohle der Familien aktiv, damals noch mit einer Außenstelle der Erziehungsberatung Regensburg. Im Oktober 1973 nahm die eigenständige Beratungsstelle in der Altmühlstraße ihre Arbeit auf. Nach drei Umzügen – 1976 in die Alleestraße, 1978 in die Pfarrhofgasse – fand die Einrichtung 2022 in der Riedenburger Straße eine neue Heimat. Erfreulich sei, so Brigitta Hable, dass im Lauf der Zeit die Hemmschwelle, Beratung in Anspruch zu nehmen, gesunken ist, früher sei dies schambehafteter gewesen. In den 1990er-Jahren waren Stottern oder sogenannte Händigkeitstests noch häufige Anmeldegründe. Diese spielen heute keine Rolle mehr – ebenso Prüfungsängste oder Leistungstests.

Deutlich mehr Anmeldungen verzeichnet die Beratungsstelle wegen Trennung oder Scheidung der Eltern: Mit Mediationen oder Kinder-im-Blick-Kursen versuchen Brigitta Hable und ihr Team, den Familien in dieser schwierigen Situation zu helfen. „Insgesamt sind die Gründe, aus denen Menschen bei uns Rat suchen, komplexer geworden“, stellt die Psychologische Psychotherapeutin fest. Ritzen, selbstverletzendes Verhalten, sexuelle Gewalt, Fragen zur sexuellen Orientierung oder Identität sowie Medienkonsum sind hinzugekommen. So besitzen mittlerweile 81 Prozent der Zwölfjährigen ein Smartphone.

Im gleichen Zeitraum hat sich auch die Erziehungseinstellung der Eltern gewandelt, weg von einem autoritären Erziehungsstil, hin zu einem bedürfnisorientierten, der die Anliegen der Kinder stärker in den Blick nimmt. „Früher wurden die Probleme oft am Kind festgemacht, es sollte in der Beratung ,repariert‘ werden“, sagt Brigitta Hable. „Heute setzen Eltern die Probleme der Kinder oft in Beziehung zum eigenen Verhalten. Außerdem kommen sie oft schon mit vielen vorab gewonnenen Informationen zu uns, aus dem Internet, Büchern, von Bekannten oder anderen Fachleuten.“  

Ein Wandel ist auch in der Beratungsarbeit festzustellen: Auch hier gehen die Beraterinnen und Berater stärker auf die Bedürfnisse der Ratsuchenden ein und versuchen unter anderem, ihnen räumlich entgegenzukommen: So hat die Beratungsstelle Kelheim durch die Aufsuchende Erziehungsberatung über 20 Anlaufstellen im Landkreis und bietet Sprechstunden in vielen Kitas, einem Mehrgenerationenhaus und einem Bürgertreff. 2019 wurde zu diesem Zweck eine halbe Stelle geschaffen, eine weitere halbe Stelle 2023.  Auch der neue Standort in der Riedenburger Straße zielt darauf ab, den Weg in die Beratungsstelle möglichst einfach zu gestalten: Die Räume sind mit dem ÖPNV gut erreichbar, sowie ebenerdig und barrierefrei. Trotz der zahlreichen Veränderungen gibt es auch eine Konstante, die sich seit 50 Jahren kaum verändert hat, wie Brigitta Hable herausstellte: „Gleich geblieben ist die Hoffnung  – bei den Mitarbeiterinnen und den Ratsuchenden – dass sich die Dinge durch unsere Beratung zum Besseren wenden können.“

Derzeit arbeiten sieben Fachkräfte in der Beratungsstelle – weil die meisten Mitarbeiterinnen in Teilzeit tätig sind, entspricht dies 4,52 Vollzeitstellen. Zwei Teamassistentinnen teilen sich eine Vollzeitstelle. Zusätzlich stehen acht Wochenstunden für Förderunterricht und seit 2004 sechs Wochenstunden für Umgangsbegleitung zur Verfügung. Letzteres ist eine Besonderheit der Kelheimer Beratungsstelle, die es so in den meisten anderen Einrichtungen nicht gibt. Seit 2009 bietet eine speziell ausgebildete Mitarbeiterin eine Schreibabyambulanz an. Um auch während der Corona-Pandemie für die Ratsuchenden erreichbar zu sein, wurde die Möglichkeit der Videoberatung eingeführt. „Als der persönliche Kontakt zu den Ratsuchenden, der für unsere Arbeit so wichtig ist, nicht mehr möglich war, mussten wir schnell reagieren“, so Hable. „Unser Träger hat uns zügig mit Laptops und einer datenschutzkonformen Software für die Videoberatung ausgestattet.“ Allgemein sind die Fallzahlen auf hohem Niveau: 2022 wurden 411 Klientinnen und Klienten betreut, 50 mehr als im Vorjahr. Rund 85 Prozent kamen aus dem Landkreis Kelheim, etwa 12 Prozent aus der Stadt.

Text: Sebastian Schmid